NOT YET
Credo – künstlerisches Konzept

Ganz nahe heran – und dran bleiben

Der Grundgedanke hinter diesem Projekt ist es, einerseits in mehreren fotografischen Langzeitstudien die persönliche und musikalische Entwicklung  der Protagonisten sichtbar zu machen; andererseits zeigen die Fotografien auch das alltägliche Leben der jungen Künstler, das persönliche Umfeld, die Gesellschaft. In einzelnen Bildern wird die Handlung am Rande dabei zur Hauptsache – Manchmal liegt der wichtigste Teil eines Bildes gar in der Unschärfe. 

Es gibt ein Phänomen, welches in der Reportage-Fotografie sehr oft anzutreffen ist: Es ist diese Ästhetik der Armut und des Elends. Westliche Fotografen tendieren oft dazu, diejenigen Bilder zu schiessen, die ein Maximum an Armut, an Elend, an Schrecken zeigen –sie sind auf der Suche nach einer entsprechenden Ästhetik. 

Der Beispiele sind viele: Sie reichen von der Kriegsfotografie, die immer extremer sein muss bis hin zu Slum-Reportagen, die ungefragt in den Lebensraum der Einheimischen vordringen. So entsteht eine einseitige Sicht auf die Dinge. Es wird insinuiert, dass im Land X alles nur schlecht und furchtbar ist. Die positiven Seiten hingegen werden ausgeblendet und bewusst ignoriert.  

Die Würde der Protaginisten unbedingt achten

Oft genug schiebt man damit auch die Grenzen des guten Geschmackes in den Orkus, denn in all diesem Fällen geht eines vergessen: Die Würde des Menschen, die Würde der fotografierten Menschen. Auch ein Mensch in einem Schwellenland hat eine Vorstellung davor, wie er sich sieht. Er hat Dinge, auf die er – inmitten allen Elends – stolz ist. Er sieht sich vielleicht gar nicht als ein Opfer, auch wenn er dies aus westlicher Sicht ist.  

Was ist Wahrheit in der Reportagefotografie?

Das Dogma der Reportage-Fotografie plädiert für die Wahrheit im Bild – und verbietet klar jegliche Manipulation des Bildes während der Aufnahme oder in der nachträglichen Bearbeitung. Das Weltbild eines Fotografen aber ist ein viel stärkerer Manipulator als all die Möglichkeiten der Bildbearbeitung – und allein mit der Wahl des Bildausschnittes lösst sich die Realität maximal umdeuten. 

Ich plädiere dafür, die Menschen in ihrer Würde und in ihrem Umfeld so zu zeigen, wie ich es als Fotograf wahrnehme. Diese meine Meinung mache ich transparent, ich stelle meine eigene Wahrnehmung zur Diskussion, ohne eine vermeintlich objektive Realität vorgaukeln zu wollen. 

Den typischen Blick des westlichen Fotografen ablegen

Ich möchte eine ganze Wahrheit zeigen, eine Wahrheit, die nicht schnell innerhalb von wenigen Tagen entstanden ist, sondern die sich über einen längeren Zeitraum und durch intensive Beschäftigung mit den Protagonisten entstanden ist. Sie schliesst die traurigen Seiten nicht aus – den einst so schönen und blühenden und nun immer mehr zerfallenden Lebensraum, die Armut, den krassen Gegensatz von Arm und Reich, die Hoffnungslosigkeit. Dies jedoch ist nur ein Teil. 

Diese Wahrheit verweigert sich auch nicht den positiven und schönen Seiten: Der unbedingten Hingabe zur Musik, der tiefen kulturelle Verwurzelung von Musik und Tanz, dem grossen Fleiss, der familiären Unterstützung, dem kulturellen Erbe – und der Zukunft, welche – getragen von diesen jungen Menschen – zu blühen und zu gedeihen beginnt.

Tbilisi, 22. Oktober 2012