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Interview mit Tamas Batiashvili

Tamas Batiashvili erklärt, warum so viele Klassik-Talente aus Georgien stammen

Tamas Batiashvili über die Ursache der georgischen Musik-Affinität – und warum das kleine Land  so viele Talente im Bereich der Klassischen Musik hervorbringt.

Interview in georgischer Sprache, mit deutschen Untertiteln,  ca. 4 min Dauer.

«Tamas Batiashvili, woher kommt diese unbedingte Hingabe der jungen Leute zur klassischen Musik?»

Ich habe selten junge Leute im Alter von 14 bis 17 Jarhen gesehen, die so ernsthaft, so ausdauernd und so diszipliniert üben. Warum ist dies so, was steckt dahinter?

Interview in georgischer Sprache, mit deutschen Untertiteln,  ca. 3:30 min Dauer.

Über das Ausbildungssystem in der Sowjetunion mit den «Spezial-Musikschulen»

Die Länder der Sowjetunion kannten ein spezielles Ausbildungssystem, die sogenannten Spezialmusikschulen. Dieses System hat viele erfolgreiche Musiker hervorgebracht. Tamas Batiashvili gibt hier eine Einschätzung dieses Systems und zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den heutigen Systemen auf.

Interview in georgischer Sprache, mit deutschen Untertiteln,  ca. 3:50 min Dauer.

Über die Entwicklung der musikalischen Ausbildung in den letzten 50 Jahren – in Ost und West

Tamas Batiashvili hat als Lehrer und Pädagoge auf beiden Seiten des Eiseren Vorhanges gearbeitet. Wie beurteilt er die Entwicklung, die in den letzten 50 Jahren stattgefunden hat?

Interview in georgischer Sprache, mit deutschen Untertiteln,  ca. 2:30 min Dauer.

Weitere Videos sind in Bearbeitung und folgen in Kürze.

Tanskript
Das gesamte Interview mit Tamas Batiashvili in Klartext

Obwohl Georgien mit rund 4,5 Mio. Einwohnern ein vergleichsweise kleines Land ist, so brachte es – und bringt es bis heute – eine ungewöhnlich grosse Anzahl von herausragenden künstlerischen Persönlichkeiten hervor, gerade im Bereich der Klassischen Musik. Woran könnte dies liegen?

Ich möchte ihnen sagen, dass die Liebe zur klassischer Musik in Georgien sich ganz natürlich entwickelt hat. Bekanntlich haben die Georgier die Musik im Blut. Ich glaube aber, dass auch viele andere Völker gute Volksmusik haben, aber unsere kirchlichen Gesänge beweisen, dass die klassische Musik für uns nicht fremd war. Wir haben es gleich begriffen. Schon im19. Jahrhundert wurde die europäische Kultur in Georgien breitwillig angenommen und das erste Opernhaus wurde eröffnet.

Das war damals ein großes Ereignis und die Menschen haben die Vorstellungen geradezu gestürmt – denn es war sehr interessant für Georgier, diese Musik zu hören. Danach kam aus Deutschland und Russland selber die Erkenntnis, dass die klassische Musik eine spezielle Musikausbildung braucht. Die Zeit vergeht so schnell – es sind schon 80 Jahre her, seit in Tbilisi die erste Schule eröffnet wurde, welche später in »Musikschule für begabte Kinder« unbenannt wurde. Diese Schule dauerte damals 10 Jahre, und sie war eng verbunden mit dem Konservatorium. Das Ziel war die Vorbereitung für das Kader im Konservatorium Tbilisi – mit der Absicht, die besten Musiker für das ganze Land auszubilden. Später hat sich herausgestellt, dass die Musikschule für begabte Kinder in Tbilisi – welche später Spezialmusikschule und dann Musikgymnasium hiess – im Prinzip die gleiche Funktion hatte: Unsere Lehrer ziehen professionellen Musiker gross, von Anfang an.

Übrigens – nicht viele Länder haben dies. Bekannt ist beispielsweise die Julliard School in den USA, die auch mit Kindern arbeitet; und in Deutschland, besonders damals in DDR gibt bzw. gab es Spezialschulen für besonderes begabte Kinder.

Dies sind die Hintergründe der Musik in Georgien – und natürlich ist da noch die Neigung der Georgier zur Musik seit alten Zeiten. Sie wissen ja, was für ein großer Schatz die georgischen Gesänge in ihrer Mehrstimmigkeit sind. Ich denke, dies sind die Gründe, warum die Georgier dieses grosse Interesse an der Klassischer Musik haben und warum schon die Kinder mit große Freude diese Musik lernen.

Dieses Schule hier, welche wir jetzt als dritte Generation von Lehrern vertreten, ist stolz darauf, Kindern eine Ausbildung geben zu dürfen, welche aus ihnen professionelle Musiker macht. Natürlich, nicht alle Kinder werden professionelle Musiker, aber viele besonderes begabte Kinder gehen diesen Weg – und wir sind stolz darauf.

Was mir bei den jungen Musikern, die ich bisher portraitiert habe, besonders aufgefallen ist, ist ihre bedingungslose, oft ausschliessliche und andauernde Hingabe zur Musik. Es ist ungewöhnlich, dass junge Leute dieses Alters – es geht ja um 13 bis 17-jährige – eine Sache so konsequent, so zielstrebig und ernsthaft verfolgen, besonders da sie oft nur ein katastrophal schlechtes Instrument zur Verfügung haben. Wie erklären Sie sich das?

Diese Frage selber spricht schon für sich: Was passiert in der Seele dieser Kinder? Ihre Liebe zur Sache, zur Musik, ist so stark, dass sogar schlechte Instrumente kein Hindernis darstellen. Was das angeht, finde ich: Dieses Problem muss angegangen werden. In Georgien müssen sich Sponsoren finden lassen, welche in diese Sache investieren. Die Kinder leiden sehr unter schlechten Instrumenten, das hat sich schon oft gezeigt.

Viele junge Musiker aus Georgien, welche ihre Ausbildung im Ausland weiter führen möchten, besonderes in Europa und Amerika, haben ein großes Potenzial und bestehen erfolgreich alle Aufnahmeprüfungen. Danach aber erwächst Ihnen oft ein grosser Nachteil daraus, dass ihnen kein Instrument zur Verfügung steht, welches diesen Ansprüchen genügen würde. Aber ich hoffe, dass dieses Problem irgendwann gelöst wird.

Meine Hoffnung richtet sich nicht nur auf der Staat, sondern auch auf den privaten Sektor. Ich hoffe, dass diejenigen Menschen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, begreifen, dass unser Ruf als Georgier entscheidend durch die klassische Musik begründet wird. Natürlich ist auch die bildende Kunst wichtig, aber speziell im Bereich der klassischen Musik erreichen wir ein solch hohes Niveau, dass wir darin weltweit anerkannt sind.

Ich kann Ihnen Fakten nennen, welche die UNESCO veröffentlicht hat: In rund 20 Opernhäusern weltweit sind Sänger aus Georgien als Solisten tätig. Außerdem gibt es zahlreiche georgische Instrumentalisten, welche in den besten Orchestern der Welt als Solisten spielen. Das sind Fakten, welche unbedingt zu berücksichtigen sind.

Der Teil der Bevölkerung Georgiens, welcher die entsprechenden finanziellen Mittel besitzt, muss dies in Betracht ziehen und eine finanzielle Grundlage schaffen. Ohne eine entsprechende Finanzierung kann sich die Kultur nicht weiterentwickeln.

Wir haben auch viele Beispiele, wo talentierte Menschen auch ohne eine finanzielle Förderung es schaffen, ihre Ziele zu erreichen. Doch es werden vielleicht Zeiten kommen, wo es ohne nicht mehr geht – und dann wird diese Unterstützung essenziell.

Ich betone es immer wieder: Die Messlatte des gesellschaftlichen Niveaus ist dass Mass der Unterstützung, welches die Gesellschaft der Kultur zukommen lässt, auf einer freiwilligen, finanziellen Basis. Es ist mir wichtig, dies zu sagen.

 

Die georgischen Künstler, die heute in der Welt der klassischen Musik bekannt und berühmt sind, haben alle das sowjetische Schulsystem der Zentralen Spezialmusikschulen durchlaufen. In diesem System wurden Kinder schon sehr früh auf ihr Leben als Musiker vorbereitet und gezielt gefördert. Wie hat sich die musikalische Ausbildung der Kinder nach dem Ende der Sowjetunion verändert? Oder ist sie gleich geblieben?

Natürlich hat ein Großteil der berühmten Musiker von heute im sowjetischen System studiert. Das sowjetische Bildungssystem der klassischen Musik war eigenartig – aber es hat auch vieles Positives gehabt; man kann nicht alles kritisieren. Es ist auch eine Tatsache, dass diese Seite des Sowjetsystems – sprich die Ausbildung im Bereich der klassischen Musik – im Westen – ganz ohne Diskussion – höchst anerkannt war.

In der Sowjetunion gab es Hochschulen, besonders Moskau und St. Petersburg, deren Professoren weltweit anerkannte Solisten waren, wie z.B. David Oistrach, Mstislav Rostropovitsch, Svjatoslav Richter – und auch die Lehrer, welche von diesen Titanen ausgebildet wurden. Deswegen war dies eine große Tradition – und natürlich: Wie konnten wir darauf verzichten? Als die Sowjetunion zerfiel, waren wir natürlich nicht bereit, das ganze Bildungssystem abzubauen, besonderes gilt dies für das musikalische Bildungssystem.

Natürlich gab es viele Mängel, vieles war unverständlich für uns, es gab auch Defizite. Speziell betrifft dieser Mangel die Musik des 20. Jahrhunderts, doch die großen Musiker haben sich immer bemüht, diese Nische zu füllen, sonst wären wir hinterher geblieben. Wir hatten ein sehr hohes Niveau bezüglich der Lehre und Technik der klassischen Musik – aber im Verständnis der zeitgenössischen Musik waren wir – das kann man sagen – in einer Art Halb-Dunkelheit. Aber das hat sich nun auch geöffnet und besonderes jetzt, nachdem wir uns politisch gewandelt haben und alle Länder ihre Unabhängigkeit haben, versuchen alle, neue Motive in die musikalische Ausbildung und Entwicklung rein zu nehmen.

Ich glaube, das ist das Wichtigste, was wir erreicht haben: Das wir nicht mehr verschlossen sind und wissen, was die Musik des 20. und 21. Jahrhundert bedeutet. Anderes könnte auch nicht sein. Auch der Westen hat anerkannt, dass unsere Musik von der Ideologie befreit wurde, obwohl die Musik von allen Künsten wohl am wenigsten ideologisch geprägt war.

Tamas Batiashvili, Sie blicken auf eine aktive Karriere als Musiker von über 50 Jahren zurück, was hat sich bezüglich der Ausbildung von jungen Musikern in dieser Zeit am meisten verändert?

Das Thema, welches ich vorher angesprochen habe, geht hier weiter, das sind die Prinzipien der musikalischen Ausbildung. In der Erziehung, in der Pädagogik sind die Erfahrungen wichtig. Sie haben Recht, ich unterrichte schon über 50 Jahre. Am Anfang war es wahrscheinlich ein Versuch von mir. Mit der Unterstützung meines Lehrers Shota Shanidze habe ich angefangen, an der Zentralmusikschule zu unterrichten, er hat mir seine Schüler übergeben.

Am Anfang fiel es mir natürlich sehr schwer. Es ist ein schwerer Beruf, eine sehr große Verantwortung. Man übernimmt die Verantwortung gegenüber jungen Menschen über deren Zukunft. Falls man einen falschen Weg, eine falsche Methodik auswählt, bringt man den jungen Menschen auf eine falschen Fährte – und vielleicht trägt man auch später Schuld gegenüber diesen Menschen. Ich gebe zu, dass ich viele Fehler gemacht habe.

Aber mit Unterstützung von der älteren, hervorragenden Generation der Lehrer und Musiker, zu welchen mein Lehrer Shota Shanidze, Leo Shiukashwili, Luarsab Iashwili, Irakli Beridze und Nikolos Pogosov gehörten, ist uns gelungen, unsere pädagogische Qualität zu steigern – wenn man dies so ausdrucken kann. Besser gesagt: Wir konnten unsere pädagogischen Wege in die richtigen Richtungen entwickeln. Ich habe später rund 14 Jahre auch in Deutschland als Lehrer gearbeitet, das hat mir sehr viel gebracht.

Was ich damit sagen möchte: Wir mit unseren früheren sowjetische und später europäischen Erfahrungen haben eine Art Synthese gebildet aus diesen alten und neuen Erfahrungen. Dies gibt uns heute die Möglichkeit, dass wir auf eine neue Weise – mit alten Kenntnissen und neuen Methoden – Kindern eine richtige Bildung geben können.

Ihre Tochter, Lisa Batiashvili hat in Georgien und Deutschland studiert, und auch Sie selber haben in beiden Ländern als Musiker gearbeitet. Mir ist bei vielen georgischen Musiklehrern aufgefallen, dass sie sich überdurchschnittlich stark engagieren, das wird beispielsweise auch am Sonntag unterrichtet oder in den Ferien. Es scheint eine besondere, persönliche, eine ganz enge Bindung zwischen Lehrern und Schülern zu bestehen. Wie haben Sie selber dies in Georgien erlebt, und wie in Deutschland? Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede?

Ich muss ihnen sagen, dass dies auch das Erbe von unseren Lehrern und deren Lehrern ist. Faktisch war es eine Art Fanatismus – die Lehrer haben sich absolut verpflichtet gefühlt gegenüber ihren Schülern.

Wenn ein Lehrer sich entschieden hat, dass sein Schüler ein berühmter Musiker werden soll, wenn also die Eltern ihr Kind ihm anvertraut haben in der Hoffnung, dass es ein großer Musiker werden würde, dann hat er sich verpflichtet gefühlt.

Natürlich – alle träumen davon, ein großer Musiker zu werden, einige haben kein Glück, andere haben andere Hindernisse, aber grundsätzlich lag der Erfolg an der »fanatischen Einstellung« der Lehrer während der Lernprozesse. Die haben sich selber gegenüber keine Gnade gekannt. Wie Sie es schon sagten: Es gab keine Sonn- und Feiertage.

Es ist wahr – die Musik kennt das nicht. Wir Musiker arbeitet gerade an Feiertagen, ich spiele die meisten Konzerte am Freitag, Samstag und Sonntag – dann, wenn Andere sich ausruhen. Doch auch vorher muss man arbeiten. Das gleich gilt bei der Arbeit als Lehrer. Wenn man meint, dass man ein Kind zu einem Profi ausbilden will, muss konsequent sein. Anderes geht das nicht.

Die ausgelassenen Tage und Stunden hinterlassen ihre unguten Spuren in der Zukunft. Deswegen halte ist dies für selbstverständlich im Beruf des Lehrers. Wahrscheinlich gerade deswegen haben solche Spezialmusikschulen für begabte Kinder wie in Tbilisi, Moskau, St. Petersburg, Kiew, Baku, Jerewan – hat übrigens auch ein sehr hohes Niveau gehabt, ich weiß dies, weil ich es selber es vor Ort erlebt habe – gerade deswegen haben diese Schulen professionelle Musiker ausgebildet, und dies dank der Lehrer, welche in ihre Beruf fanatisch verliebt sind und versuchen, den Kindern alles zu geben.

Bezüglich der Ausbildungssysteme: Wo bestehen die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?

Wir müssen natürlich zugeben, dass unsere Ausbildung, besonderes im Bereich der Streichinstrumente, auf der alten europäischen, besonders auf der Deutschen Schule basierten. Das ist eine Tatsache, und das bestreitet niemand. Was die Unterschiede angeht: Dies ist schwer zu sagen. In Deutschland habe ich beispielsweise nicht in einer solchen Schule unterrichtet wie hier, wo man nur professionelle Musiker ausbildet. Das war eine ganz normale Musikschule und der Unterschied zwischen unserer und deren Schule ist natürlich groß. Es ist schwer zu sagen.

Heute ist die Welt so klein geworden, Information verbreitet sich so schnell. Auch wenn Sie Deutschland heute anschauen: Es gibt sehr viele Lehrer aus Russland, welche heute dort unterrichten. Ich will damit nicht sagen, dass die mit dem alten System unterrichten, aber deren Kenntnisse kommen aus diesem alten System, später habe sie ihre eigenen Methoden entwickelt. So kann ich nicht sagen, dass es heute einen großen Unterschied bei der Ausbildungsprinzipien in Deutschland und Georgien gibt.

Ein Unterschied liegt jedoch darin, dass die ältere Generation der Lehrer bestimmte Schwierigkeiten haben, auf neuere Schienen umzusteigen. Was heißt das? Man muss das Repertoire erweitern, man muss neue, zeitgenössische Werke lernen und die Schüler darin unterrichten zu können.

Bei uns gibt es leider viele konservativere Ansichten. Es gibt ein bestimmtes anerkanntes Repertoire, und man bewegt sich um dieses herum. Es ist eine Seltenheit, dass man Werke aus dem 20. Jahrhundert hört, besonders aus zweiten Hälfte der 20. Jahrhundert. Aber ich glaube, dies wird sich ändern.

Die Kinder habe eine grosse Chance dank dem Kontakt zum Internet. Dadurch können sie sehr vieles hören und haben vielleicht auch ihre Lehrer bereits überholt in der Informationsbeschaffung. Es ist so. Die Generation hat sich gewandelt und die neue hat ein ganz anderes Lebens- und Informationsbeschaffungs-Tempo – und auch ein anderes Bedürfnis. Ich will damit auch nicht Schlechtes gegenüber der älteren Generation der Lehrer sagen, aber es gibt einige Lehrer älterer Generation, welche diese Informationen nicht besitzen. Musik entwickelt sich weiter, so wie alle anderen Bereiche auch.

Wenn Sie so wollen: Die neuen Technologien haben auch die Musik getroffen. Deswegen bin ich der Meinung, dass die heutige Generation viel progressiver ist. Besonderes dank der Möglichkeiten, die der Computer bietet. Die jungen Leute haben es mit solcher Schlauheit begriffen, dass ich nicht glaube, dass sie damit Problemen habe werden.

Aber beim Prinzip, wie man ein Instrument spielen lernt, bestehen heute keine großen Unterschiede mehr zwischen Ost und West, meiner Meinung nach. In Deutschland gibt es viel aus der sowjetischen Schule – und auch wir haben vieles aus dem Westen übernommen, viele neue Methoden und Lehr-Prinzipien. Deswegen sehr ich keine große Unterschiede mehr.

Der georgische Nationaldichter Shota Rustaveli sagte einst: «Das, was wir geben, macht uns reicher, das aber, was wir zurückbehalten, ist verloren.» Was ist ihr persönliches Anliegen, was möchten Sie Ihren Schülern mitgeben?

Ich bitte um Verzeihung, aber gerade diesen Satz würde ich korrigieren. Ich habe mich mit einigen Philologen genau darüber unterhalten – und dieser Aphorismus ist falsch verstanden worden.

Rustaveli schreibt »Von dem, was du gibst, bleibt dasjenige deins, was nicht verloren ist« – und die Betonung ändert viel! Wenn man also Wissen weiter gibt und dieses bei einem Mensch landet, der ein guter Empfänger ist, dann geht es nicht verloren. Aber es kann passieren, dass man Wissen vermittelt und der andere dies gar nicht empfangen kann. Dann ist es verloren. Es bei Rustaveli nicht gemeint, dass »das«, was man nicht weitergibt verloren geht. Die Philologen haben mir das erklärt. Ich weiß nicht, warum man dies in seiner Zeit so interpretiert hat. Also: Es ist nicht so.

Wenn ein Kind zu mir kommt, muss ich ihm als erstes alles geben. Wenn ich irgendetwas für mich behalte und ihm nicht alles gebe, das ist das meine Schuld; Rustaveli spricht da gar von einem Verbrechen. Das ist dann schon eine verlorene Sache! Aber es kann sein, das ich alles geben, aber leider einige Kinder dies gar nicht aufnehmen können – dann ist das Wissen verloren.

Deswegen: Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Lehrer ist es, dass wir uns nicht schonen, dass wir alles geben und nichts für uns zurückbehalten. Alles geben was wir wissen – dann wird unsere Arbeit anerkannt, auch vom Schüler. Das ist mein Verständnis vom Beruf des Lehrers.

Tamas Batiashvili, ganz herzlichen Dank für dieses Interview.

Ich danke Ihnen!